In den letzten Jahren haben sich in regelmäßigen Abständen jüngere und ältere Männer in einen heroischen Kampf gegen den Ausbau der Windenergie in Luxemburg gestürzt. Diese Schlacht führen sie zum Teil auf einem hohen, ingenieurtechnischen Kommunikationsniveau. In den in ihrer Freizeit erstellten Zeitungsspalten strafen sie, aus ihrer Sicht, die vielen professionellen und wissenschaftlichen Akteure Lügen, welche weltweit von morgens bis abends an der Energiewende mit erneuerbaren Energien forschen, entwickeln und arbeiten. Die Beleidigung dieser Akteure der Energietransition wird noch getoppt, indem sie undifferenziert in einem Satz mit anscheinend existierenden ideologisch verbohrten Fundamentalisten genannt werden.

Es geht zwar nicht um Kugel oder Scheibe, aber die individuelle Selbstsicherheit dieser Kritiker gegenüber der wachsenden Masse an wissenschaftlichen Evidenzen ist schon beeindruckend und drängt den Vergleich mit dem bekannten Spanier auf seinem klapprigen Pferd auf. Aber noch beeindruckender ist ihre große Alternativlosigkeit. Anstatt für etwas Neues offen zu sein bleiben sie, abgesehen von einem mehr oder weniger direkten Bekenntnis zu einem atomaren Comeback, bei einem Weiter so in die falsche Richtung.

Die aktuelle Situation
Die aktuelle Situation ist beunruhigend und das nicht erst seit dem Hochwasser von 2016, dem Tornado von 2019, der Dürre von 2022 und allen anderen rezenten und aktuellen Wetterkapriolen weltweit. Diese Symptome mit apokalyptischem Charakter zeigen, dass wir keine Zeit mehr haben, uns mit den letzten Klimaskeptikern zu beschäftigen und dass es mehr als dringend ist, Verantwortung zu übernehmen. Wenn schon nicht für uns, dann wenigstens für alle jungen Menschen, welche mit der mehr oder weniger von uns verursachten Situation in Zukunft leben müssen. Die Dramatik der letzten Jahre beweist auch das, was seit Jahrzehnten wiederholt wird: Nichts ändern kostet in Zukunft viel mehr, als heute ein wenig mehr für den Aufbau einer umweltfreundlicheren Energieversorgung auszugeben. Dieses gilt sowohl auf der allgemeinen ökonomischen Ebene, als auf der der verursachten Umweltschäden, respektive in Bezug auf unsere individuellen und gesellschaftlichen Freiheiten.

Taschenspielertricks
Wir müssen aufhören, uns selbst zu belügen und anfangen, der Realität ins Auge zu sehen. Wir leben über unsere Verhältnisse und dies auf eine unmoralische, weil global ungerecht verteilte Art und Weise. Daher können wir dieses grundsätzliche Problem nicht nur und schon gar nicht ausschließlich durch mehr Technik lösen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Mobilität: Der Konsens für ein „Weg vom Verbrennungsmotor“ ist da, aber ohne Einsicht, dass unsere Autos viel zu viel wiegen und dass die Priorität noch viel stärker bei einem leistungsfähigen öffentlichen Transport im Zusammenspiel mit neuen, sanften Mobilitätskonzepten liegen müsste. Ein anderes Beispiel ist der wahnsinnige Lkw-Verkehr, welchen man eher auf Wasserstoff umstellen will, als vorher die Unmenge an sinnlosen Fahrten quer durch Europa in Frage zu stellen. Wenn wir uns nicht prioritär die richtigen und wesentlichen Fragen stellen, dann können wir es auch gleich ganz lassen. Wenn wir uns allerdings die richtigen Fragen stellen, zeigen uns die Antworten darauf ganz klar, dass es nur funktionieren kann, wenn wir endlich den Mut aufbringen, wesentliche Sachen zu ändern.

Ein paar Vögel gegen den Rest der Natur
Beim „Kampf“ gegen die Windanlagen erscheint es fast schon dramatisch komisch, wie die lieben Vögel als Geiseln genommen werden, um solche Projekte zu verhindern. Jeder von uns wäre froh, wenn wir gar nichts verändern müssten. Beim Anblick der Bilder, wo riesige Biotope durch die außer Kontrolle geratenen Naturgewalten mit Flora und Fauna fortgeschwemmt werden, muss man sich allerdings fragen, ob wir uns noch mit „Luxusbedenken“ abgeben können. Wir können das Problem allerdings auch wieder unseren Kindern überlassen. Die werden es dann vielleicht einfacher haben, weil sie keine Vögel mehr zählen müssen.

Wie weit ist mein Horizont?
Wenn es um Utopien wie die Besiedlung des Mars geht, wird das von wenigen als nicht realisierbar in Frage gestellt. Das ist nicht unbedingt negativ, allerdings verwundert es, dass für die weitaus weniger ambitiöse Vision einer Energieversorgung aus erneuerbaren Energien die Vorstellungskraft, der Wille und die Verwegenheit fehlen sollen, es schaffen zu können. Im Gegenteil, wir fordern sofort die perfekten Lösungen im Hier und Jetzt und natürlich ohne dass das Bestehende in irgendwelcher Form in Frage gestellt wird. Überspitzt formuliert und vergleichend könnte man sagen: Zum Mars? Ja, aber bitte mit unserem elektrischen SUV, in maximal 5 Stunden und für einen Apfel und ein Ei. Das kann alles nicht funktionieren, wenn wir uns nicht aus unserer Komfortzone befreien und den Mut aufbringen, uns ein neues Weltdesign vorzustellen. Aus diesem Grund macht es auch wenig Sinn, sich die Windenergie final in unserem aktuellen, energietechnischen und ökonomischen Kontext vorzustellen. Ohne weitere Innovationsanstrengungen und einen, an den Prinzipien der Gemeinwohlökonomie orientierten Unternehmergeist, kann das Bestehende tatsächlich noch nicht ausreichen. Deshalb brauchen wir, mit den erneuerbaren Energien als aktuell einzig verbleibender Option und Alternative, einen kreativen Weitblick anstatt einer destruktiven Blockade ohne Alternativen. Jede Veränderung macht Angst, wenn man sich nur auf die negativen Punkte konzentriert. Es kommt aber darauf an, dass man das Positive sucht und fördert, damit die Vorteile überwiegen.

Es gibt nichts umsonst!
Wenn wir als Mensch unseren negativen Impakt auf die Umwelt stoppen wollen, bleibt nur eine Alternative: sofort stehen bleiben und die Luft anhalten bis es aus ist! Nein im Ernst, alles was wir machen hat seinen Impakt auf die Umwelt und das gilt selbstverständlich auch für die Nutzung der erneuerbaren Energien! Wenn wir uns allerdings die Alternativen anschauen mit Schlagwörtern wie Ölpest, Klimaproblematik, Zerstören von ganzen Naturschutzgebieten, Cattenom und Co, Krieg und Ausbeutung, dann müsste die Wahl schnell getroffen sein. Neben der Frage des Umweltimpakts sollte aber auch der gesamtökonomische Impakt berücksichtigt werden. Jede hier produzierte und verbrauchte kWh Strom aus erneuerbarer Energie steht für einen lokalen ökonomischen Mehrwert, weil weniger Geld unseren Wirtschaftsraum für Energieimporte verlassen muss. In der noch aktuellen Energiewelt gilt nicht nur das Gegenteil. Zu dem verhältnismäßig geringen ökonomischen Mehrwert gesellen sich enorme Folgekosten. So haben sich z.B. schon heute einige der verantwortlichen atomaren Energiekonzerne so aufgegliedert oder organisiert, dass wohl nicht sie wie vorgesehen, sondern die Allgemeinheit und damit wieder unsere Kinder für die Kosten der atomaren Abfallentsorgung aufkommen müssen. How dare you!

Individueller Fatalismus oder kollektiver Optimismus?
Der Hang zum Individuellen ist ein gesellschaftliches Zeichen unserer Zeit. Die Coronakrise hat allerdings gezeigt, dass noch ein Funke an Solidarität in der Gemeinschaft besteht. Im modernen Alltag wird dieser Funke aber zu sehr von einem andauernden, oberflächlichen Kommunikations- und Konsumtsunami unterdrückt und die Reaktionen auf die noch eher diffus spürbare Klimakrise bleiben auf einer rein individuellen Ebene. Die persönliche Energie wird in den Erhalt des vor allem materiellen Wohlstandes gesteckt und mutiert eher zu einem individuellen Fatalismus mit egoistischen Zügen als zu einem Aufbruch. Die letzten Unwetterkatastrophen haben allerdings gezeigt, dass auch unsere Gegenden nicht verschont bleiben und dass die Verwerfungen und Konsequenzen von bisher unvorstellbarem Ausmaß sein können. Deshalb wären wir gut beraten, jetzt zusammen in Ruhe anstatt später aus der Not heraus und in Panik nach Lösungen zu suchen. Das Wichtigste dabei ist das Gemeinsame! Niemand hat die Wahrheit gepachtet und wir müssen es fertigbringen, auch die kritischeren Intelligenzen beim Aufbruch und dem damit verbundenen Aufbau der neuen Energiesysteme mitzunehmen. Gerade das Thema der Windenergienutzung zeigt, wie schwer dieser Weg sein kann. Deshalb müssen wir kollektiv daran arbeiten, optimistische Szenarien für unsere Kinder zu entwerfen, welche endlich nicht mehr an unseren kurzfristigen und bekannten Duftmarken orientiert sind, sondern an neuen Orientierungspunkten für sie! Dabei geht es NICHT um Jung gegen Alt, es geht nicht um Schuldzuweisungen, um richtig oder falsch: Entweder wir lassen endlich gemeinsam die Rettungsboote ins Wasser, oder wir gehen zusammen mit unserer Titanic unter.

Wenn nicht heute, dann nie!
Das Zeitfenster, welches uns noch kurzfristigen und stressfreien Gestaltungsspielraum lässt, wird immer kleiner. Die aktuellen Krisen haben ganz deutlich gezeigt, dass die vulnerabelsten Schichten unserer Gesellschaft immer als erste getroffen werden. Deshalb steckt im Nichtstun auch eine imminente soziale Gefahr, eine Frage von Frieden oder Chaos. Es ist deshalb verrückt, wenn aus dieser Perspektive die Frage der sozialen Gerechtigkeit als Argument herhalten muss, um den Status quo zu verteidigen. Im Gegenteil, der Umbau der Energieversorgung zu einem System mit einem hohen Grad an dezentralen Produktionsanlagen birgt zahlreiche Chancen für die Zivilgesellschaft. Ein mehrheitlich von Bürgern finanziertes und betriebenes Energiesystem steht nicht nur für eine klimagerechtere Energieversorgung, sondern bedeutet eine Demokratisierung der Energieversorgung, in welcher auch sozial schwächere Mitglieder unserer Gesellschaft solidarisch mitgenommen werden können.

Ein anderes, oft gebrauchtes Argument für ein Nichtstun unsererseits ist der Verweis auf andere Regionen und Länder der Erde, welche mit ihren Emissionen alle unsere Anstrengungen verpuffen lassen. Auch das verwundert, ging es doch bisher in unserem globalen kapitalistischen System immer nur darum, wer als Erster auf irgendeinem Mond landen wird, um dies ökonomisch zu seinem Vorteil ausnutzen zu können. Viele dieser konkurrierenden Anstrengungen beziehen sich auf teilweise oder komplett sinnbefreite Ideen, wo der direkte Nutzen für die Menschheit nicht erkennbar ist. So werden z.B. auch in Luxemburg nicht unwesentliche Summen für Space Mining ausgegeben. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie absurd wir uns den richtigen Fragen verwehren: Anstatt das Problem der Begrenztheit irdischer Ressourcen zu lösen, verschieben wir es erneut und greifen nach den Sternen.

Es ist deshalb unverständlich, warum im zu 100% sinnvollen und notwendigen Aufbau erneuerbarer Energiesysteme diese Mentalität quasi ins Gegenteil mutiert. In diesem Fall sollten wir auch egoistisch sein und versuchen, Mut aufzubringen und Vorreiter zu sein. Diesmal könnte es sich wirklich lohnen!

Es ist möglich!
Die Menschheit hat spektakuläre, wissenschaftliche, technische aber auch kulturelle und soziale Fortschritte gemacht. Auf den Fundamenten dieser Errungenschaften ist es möglich, neue Szenarien und Wirklichkeiten zu schaffen, welche das Überleben auf unserem Planeten respektvoller und gerechter gegenüber allen heute und in Zukunft lebenden Menschen ermöglichen. Weltweit arbeiten schon sehr viele Menschen daran und zeigen Stück für Stück, dass es möglich ist. Um weg von Öl und Gas, von Kohle und Atomenergie zu kommen, müssen wir allerdings Veränderungen zulassen. Windanlagen können durch ihr landschaftsprägendes Element ein positives Symbol für diesen alternativlosen Aufbruch sein. Vielleicht bringt die Entwicklung noch bessere Lösungen, dann verschwinden sie wieder, wie schon andere Beispiele in der Industriegeschichte gezeigt haben, ohne Schaden zu hinterlassen. Liebe Don Quijotes, wir brauchen in vielen Bereichen Menschen wie Euch. Daher wäre es wertvoll, Wege zu finden, wo wir von unseren Pferden absteigen können, um außerhalb der Zeitungsspalten in einem verantwortungsvollen und konstruktiven Dialog eine positive Zukunft zu zeichnen. Dafür müssen wir aufhören, uns gegenseitig an Problemfragen aufzureiben und anfangen, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Dabei werden Fehler gemacht werden und Wege nicht funktionieren, aber es ist wichtig, dass die gemeinsame Richtung stimmt. Und um mit der Windenergie abzuschließen, wir haben im Moment keine besseren Alternativen und es bleibt keine weitere Zeit, auf Wunder zu warten.

Paul Kauten, mit bleibendem Optimismus und Motivation seit über 25 Jahren professionell im Bereich der erneuerbaren Energien tätig.